Man kommt ja quasi überhaupt nicht drumherum, etwas über S-Bahn-Pendler zu schreiben (immerhin bin ich ja selber einer). Sie sind einfach zu drollig in ihren Versuchen, der Technik Herr (oder Frau) zu werden. Oder wenigstens ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Es muß etwas unserem Wesen grundsätzlich Widersprechendes sein, mit einem Haufen Unbekannter zusammengepfercht durch diese dunklen Röhren geschossen zu werden. Ich meine, Kafka hätte seine wahre Freude daran gehabt. Heute aber bleibt uns nur noch: Fahrschein ziehen und ab in die Büchse.
Da es immer wieder Neues zu sehen und zu berichten gibt, wird auch diese Rubrik sicherlich noch die eine oder andere Ergänzung erleben. Und jetzt viel Spass. Beim nächsten Mal Bahnfahrt heisst es dann: Augen auf!!!
Wir und die Anderen
Einer der interessantesten Effekte (und darum hier gleich als erstes genannt) ist sicherlich der des “Wir und die Anderen” beim öffentlichen Nahverkehr. Man stelle sich vor: Wenn ich in eine Bahn oder einen Bus einsteige, bin ich erstmal ein Fremdkörper. Da sind Haufen von Menschen, die froh sind, drinnen zu sein, vielleicht noch einen Platz zu haben und die nun ganz erpicht darauf sind, ihre Fluchtdistanz sauber zu halten. Was das heißt? Nun, wir sind brav, solange uns keiner zu nahe kommt, aber wenn ein anderes Lebewesen eine bestimmte Distanz unterschreitet, fühlen wir uns bedroht. Beobachten Sie das mal bei wildlebenden Tieren oder bei Hunden. Während sie den einen gar nicht nah genug kommen können, fletschen die anderen schon bei 2 Metern die Zähne. Doch zurück zu den Menschen. Sie sind nun also der Fremdkörper und jeder denkt “Hoffentlich setzt er sich nicht zu mir”, denn man kann ja in diesem Falle nicht einfach sagen “Du unterschreitest gerade meine Fluchtdistanz, Du, verpiss’ Dich!”, das ist ziemlich Un-PC. Stattdessen üben sich die Leute dann in ein wenig Übersprungsverhalten: Statt Ihnen auf’s Maul zu hauen oder sie zu beissen, rutschen Sie ein bißchen auf ihrem Sitz hin und her, blättern in Ihrer Zeitung oder lächeln Ihnen ins Gesicht (die entwaffnende Geste: “Ich bin lieb, tu mir nichts”).
Nach dieser Zeremonie sind sie sozusagen aufgenommen, denn bis zum nächsten Halt müssen die Fronten klar sein. Dann sind die neuen Feinde nämlich da draussen. Da, wo sie noch vor kurzem standen, steht nun ein anderer und sie müssen sich als inzwischen zum Rudel gehörendes Mitglied keine Sorgen mehr darüber machen, wer nun der Fremdkörper ist – SIE ganz bestimmt nicht mehr. Und so verteilen sich die Rollen von Haltestelle zu Haltestelle neu, immer wieder werden Leute aufgenommen oder aber, auch das kommt vor, verstossen. Bei Leuten, die stinken, laut rumkrakelen, saufen oder sonstwie aus dem Rahmen fallen, funktioniert das mit der Aufnehmen nämlich nicht so, aber das festzustellen, ist ja nun auch keine Kunst mehr. ;-)
Der Sog bei der Einfahrt
Die Leute mögen auch noch so dauerhaft und fest auf ihrem Warteplatz verharrt haben, sobald die Bahn einfährt, entwickelt sich eine immer wieder sichtbare Sogwirkung. Die Leute bewegen sich in derselben Richtung wie der Zug, so, als fürchteten sie, daß dieser an ihnen vorbeifährt, wenn sie nicht hinterherlaufen. Selbst “trainierte” Pendler, die eigentlich genau wissen, an welchem Teil des Bahnsteigs der Zug hält, lassen sich mitziehen.
Die untechnischen Aussteiger
Mit dem Stehenbleiben des Zuges im Bahnhof gibt der Fahrer die Türen frei, was deutlich in Form eines Zischens (entweichende Druckluft) zu hören ist. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die auch nach mehrmaligem Fahren in einer S-Bahn schon vor Türfreigabe an den Griffen ziehen. Da sich die Türen dann noch nicht öffnen, setzt so etwas wie eine plötzliche Panik ein, nicht aus dem Zug zu kommen. Also wird noch heftiger gezogen, und das, falls zu früh, mit immer noch negativem Erfolg (ein schöner Begriff). Sind die Türen dann endlich offen, schimpfen die Untechnischen womöglich noch über die “Scheiss-Technik”.
Fahrräder und Sicherheitspersonal
Neulich fuhr ich gegen 23 Uhr von der Arbeit nach Hause. Da ich mein Fahrrad dabei hatte, wählte ich den etwas geräumigeren “Fahrgastbereich” an einem Zugende und machte das Fahrrad an der Tür des (unbesetzten) Fahrerraums fest. Wir waren schon fast wieder aus Frankfurt raus, da kommt eine dieser ganz wundervollen Sicherheitsbeamten-Kontrolleure zu mir und meint forsch, das ginge ja nicht, ich müsse das Fahrrad da wegstellen und eine Tür weitergehen (wo es viel mehr im Weg steht), weil der Raum für Fahrgäste mit Kinderwagen und Koffern frei sein muß. Na, ich bitte Euch, Kinderwagen nachts um 23 Uhr??? Und Koffer? Alle typischen Voller-Leute-mit-Koffern-Bahnhöfe wie Flughafen und Hauptbahnhof hatten wir schon weit hinter uns gelassen. Das sollte selbst die Mütze in blau, die die Strecke ja noch viel häufiger fährt als ich, gerafft haben. Aber schließlich ist man wichtig, hat sowieso zu wenig Sex und dazu noch diese schicke Uniform. Da spritzt es sich doch viel besser. Es sei aber auch erwähnt, daß dieser Wichtigtuer eine wirkliche Ausnahme darstellt. Die meisten seiner Kollegen sagen nämlich wegen des Fahrrads selbst mittags um zwei nix. So ist die Welt.
Wie ich mir einen Platz freihalte
Um alleine auf einer Viererbank zu bleiben, gibt es ein paar Tricks. Die sensibelste Phase ist, wenn man selber gerade eine solche freie Viererbank erwischt hat. Der größte Fehler wäre jetzt, sich sofort hinzusetzen und den Platz für Nachzügler freizumachen. Also erstmal langsam in den “Fußbereich” zwischen den Bänken begeben und dem Gang eine Weile lang den Rücken zeigen. Das bildet schonmal eine menschliche Blockade für die anderen, die sich nun, anstatt zu warten, lieber einen anderen Platz suchen. Erst dann langsam hinsetzen. Natürlich wird eine mitgebrachte Tasche auf dem Platz neben einem abgestellt, damit ist zumindest mal die seitliche Flanke gesichert. Nun heißt es natürlich auch bei den nächsten Stopps den eroberten Platz zu verteidigen. Da Maschendrahtzäune und Selbstschußanlagen bisher nicht so gerne gesehen werden, greife man hier zum Mittel des abwehrenden Fußes. Man lege ein Bein so über das andere, daß der Fuß des aufgelegten Beines deutlich Richtung Mittelgang zeigt. Dabei lasse man sich so weit in den Sitz sinken, daß die Beine insgesamt schon weit zur gegenüberliegenden Seite reichen. Mit dieser Haltung und der Tasche hat man praktisch alle Plätze ausreichend abgesichert. Der Fuß bildet dabei die entscheidende psychologische Mauer, die viele nicht anzutasten wagen. Freilich bringt man den einen oder anderen gerade erst damit auf den Plan, aber die Anzahl derer ist normalerweise geringer als die der abgewehrten Fahrgäste.
Dieses Verfahren funktioniert erfahrungsgemäß außerhalb der Spitzenzeiten besser, da hier mehr “Unerfahrene” Leute mitfahren. Die Pendler der Rush Hour sind zum grossen Teil abgestumpftes, unsensibles Massenvolk, bei dem solche feinen psychologischen Tricks nicht mehr fruchten. Naja, ist ja auch entschuldbar, wenn man Tag für Tag mit seinesgleichen zusammen in engen Wagen durch dunkle Tunnelröhren fahren muß.
Verspätungen
…sind immer eine gute Gelegenheit, einfach mal ein wenig die Augen aufzumachen. Ist auch viel besser als sich selber zu ärgern, denn davon kommt man auch nicht früher an. Wenn Sie sich ein bißchen umschauen, werden sie ihre helle Freude haben. Zwar sind Verspätungen nun nicht gerade das ultimative Mittel, aber sie kratzen schon ein bißchen die Reserven der Menschen heraus (ähnlich wie Supermarktwarteschlangen). Der Ärger macht die Leute ehrlicher, läßt die Fassaden bröckeln und plötzlich erkennt man, wer wirklich lässig ist und wer nicht. Das ist umso spannender, je größer der Unterschied zwischen Vorher und Nachher ist. Das ist ja auch nicht zuletzt ein Grund für viele, selber zu provozieren. Sie wollen die Leute aus ihrer selbsternannten Ruhe locken und sie wären überrascht, wie gut das mitunter funktioniert. Es macht einfach Spass, zu sehen, wie sich andere unnötig aufregen. Das Schöne bei S-Bahn-Verspätungen ist nun, daß man beobachten darf, ohne sich selber dafür schmutzig zu machen. ;-)
Pendlerhöhlen
Mit den Pendlern ist es ist wie mit Pickeln oder Japanern. Wo einer ist, sind gleich noch ein paar andere. Sie sammeln sich auf engstem Raum, als wollten sie einen ungeschriebenen Rekord brechen. Schauen Sie mal in die S-Bahnen gegen 17 Uhr nachmittags. Die mittleren Wagen – leer. Ein wenig links und rechts der Mitte – kaum ein paar Leute. Aber gehen sie mal an die Enden der Züge und sie brauchen eine tragbare Sauerstoffeinheit. Mindestens.
Was bewegt wohl den mitteldeutschen Durchschnittspendler dazu, sich genau in jenem Teil des Zuges einzusardinieren, welcher die höchste Todeswahrscheinlichkeit birgt. Doch, echt. In London verunglückte vor nicht allzu langer Zeit ein Vorortzug. Ich meine, das passiert immer mal wieder, jeden Tag verunglücken irgendwo auf der Welt Vorortzüge. Den Londonern hat das nicht gereicht. Sie haben sich – wie auf Verabredung – so in der Spitze des Vehikels konzentriert, daß sich der anschließende Frontalzusammenstoß ein richtiges Blutbad anrichtete. Und warum? Weil die Leute schneller am Ausgang sein wollten. Nun, das waren sie dann auch. Am Ausgang des Lebens. Wenn sie also gerade mal keine Lust auf die Ausdünstungen ihres Nachbarn haben oder sie einfach nur ein wenig Polster unter ihrem Hintern spüren wollen – die Zugmitten sind immer noch ein echter Geheimtip. Probieren Sie’s mal aus.